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„先穿一串叶“
„Zuerst eine Kette aus Blättern auffädeln …“

… schreibt Xu Jingyu (许静宇) zusammen mit einigen weiteren Notizen in ein Computerdokument, das nur aus wenigen kurzen Begriffen und Satzfragmenten besteht. Ihre Arbeitsschritte und nachvollziehbaren Gedanken erscheinen beinahe unsichtbar – wie aus den Händen eines Engels hervorgebracht – und dennoch steht am Ende ein Werk vollkommen für sich selbst: ein Ergebnis in Form einer Installation aus unterschiedlichen Medien.

Ihre Objekte und Installationen scheinen stets aus Zeichnungen und konzeptuellen Notizen hervorzuwachsen, die – anders als im Computerdokument – häufig direkt in die Zeichnungen integriert sind. Sie verwendet verschiedene Sprachen; während ihres Aufenthalts in Lyon (Frankreich) oft Französisch, Englisch oder Chinesisch. Unterschiedliche Sprachen sind relevant, um unterschiedliche Dinge auszudrücken.

Ihre Texte scheinen eine Hälfte des „Plans“ darzustellen; die andere Hälfte existiert nur für die Künstlerin selbst, die entscheidet, was sichtbar wird und was verborgen bleiben soll.

Darüber hinaus nehmen die geschriebenen Fragmente die Atmosphäre auf und beschreiben ein bestimmtes Gefühl, das den Prozess umgibt. Diese Empfindungen bleiben bis in das fertige Werk hinein erhalten; sie erfüllen den Raum der Installation ebenso, wie sie zuvor die Zeichnungen geprägt haben.

 

Obwohl Xu Jingyus Arbeiten persönlich wirken, arbeitet sie nicht im Sinne einer Dokumentation ihres Lebens oder einer Analyse ihrer Gefühle. Ihre Werke besitzen nicht den Charakter eines Tagebuchs. Eher lassen sie sich mit einem Theaterstück vergleichen, in dem sie als Regisseurin Figuren auswählt und ihnen bestimmte Rollen und Stimmungen zuweist. Ihre endgültige Inszenierung umfasst unterschiedliche Medien zu einem „Gesamtkunstwerk“, dessen Wirkung aus dem Zusammenwirken aller Elemente entsteht. Die dargestellten Szenen können dabei einen persönlichen Bezug zur Künstlerin haben – oder auch nicht.

 

In „Ansaicilayoyos Welt“ (安塞希腊佑佑的世界), 2011, schafft Xu Jingyu einen sehr klaren Raum völliger Durchdringung der Materialien. Der gesamte Raum ist weiß – wie ein von Farben neutralisierter Raum, wie eine Kammer für medizinische Therapie. Weiß wird mit Reinheit und Unschuld assoziiert; zugleich könnte ihm eine gewisse heilende Kraft zugeschrieben werden.

 

Mit den verwendeten Materialien erzeugt sie einen Konflikt: Die Spiegel aus Glas sind etwas Fragiles, etwas, das leicht zerbrechen kann, seine elegante Form verliert und zu scharfen, gefährlichen Splittern wird. Durch einen einzigen falschen Schritt oder einen schweren fallenden Gegenstand könnte sich „Ansaicilayoyos Welt“ in einen albtraumhaften Raum verwandeln, in dem das Barfußgehen schmerzhaft wäre. Das übrige Material besteht aus weichem Stoff und bildet einen starken Kontrast zum Glas. Betrachtet man die mögliche Verwandlung der Spiegel in Glassplitter nicht, erscheint „Ansaicilayoyos Welt“ als ein sauberer, weicher und behutsamer Raum der Imagination.

 

Vergleicht man diese Arbeit von 2011 mit ihren Werken der vergangenen Jahre, so sind diese Gegensätze – warm und kalt, weich und hart, schön und grausam – stets präsent. Xu Jingyu konfrontiert in ihren Installationen gerne unterschiedliche Materialien und verwendet Stoff in vielfältiger Weise: genäht, gebunden oder verhüllt. „Ansaicilayoyos Welt“ steigert die Wirkung dieser Materialien vielleicht auf besondere Weise.

Wie bei „Ansaicilayoyos Welt“ diktieren Xu Jingyus Werke keine bestimmten Gefühle. Sie können zugleich schön und einladend wirken – und dennoch abgründig sein.

 

Xu Jingyus Werk ist ein weiterer Beweis dafür, dass Schönheit und Abgrund dicht beieinanderliegen.

 

Was Künstlerinnen häufig vorgeworfen wird, ist eine gewisse Schwäche – zu sehr von Gefühlen geleitet zu sein und zu wenig von schöpferischem Genie oder künstlerischem Ego. Schwäche ist jedoch sicherlich das Letzte, was sich in Xu Jingyus Arbeiten finden lässt; im Gegenteil: Sie beeindrucken durch eine außerordentliche Schärfe und Klarheit.

 

— Alexandra Grimmer, April 2012

©2026 Jingyu Xu.

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